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Mein Schatz der ist auf die Wanderschaft hin,
Ich weiß aber nicht, was ich so traurig bin,
Vielleicht ist er todt, und liegt in guter Ruh,
Drum bring ich meine Zeit so traurig zu.

Als ich mit meim Schatz in die Kirch wollte gehn,
Viel falsche falsche Zungen unter der Thüre stehn,
Die eine redt dies, die andre redt das,
Das macht mir gar oft die Aeugelein naß.

Die Distel und die Dornen, die stechen also sehr,
Die falschen falschen Zungen aber noch viel mehr,
Kein Feuer auf Erden auch brennet also heiß,
Als heimliche Liebe, die Niemand nicht weiß.

Ach herzlieber Schatz, ich bitte dich noch eins,
Du wollest auch bei meiner Begräbniß seyn,
Bei meiner Begräbniß, bis ins kühle Grab,
Dieweil ich dich so treulich geliebet hab.

Arnim: Des Knaben Wunderhorn
 
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Willst du dein Herz mir schenken

Willst du dein Herz mir schenken, so fang' es heimlich an,
Dass unser beider Denken niemand erraten kann.
Die Liebe muss bei beiden allzeit verschwiegen sein,
Drum schließ' die größten Freuden in deinem Herzen ein.

Behutsam sei und schweige, und traue keiner Wand,
Lieb' innerlich und zeige dich außen unbekannt.
Kein Argwohn musst du geben, Verstellung nötig ist;
enug, dass du, mein Leben, der Treu' versichert bist.

Begehre keine Blicke von meiner Liebe nicht,
Der Neid hat viele Stricke auf unser Thun gericht.
Du musst die Brust verschließen, halt' deine Neigung ein,
Die Lust, die wir gemessen, muss ein Geheimnis sein.

Zu frei sein, sich ergehen, hat oft Gefahr gebracht,
Man muss sich wohl verstehen, weil ein falsch Auge wacht.
Du musst den Spruch bedenken, den ich zuvor getan:
Willst du dein Herz mir schenken, so fang´ es heimlich an!

Dichter unbekannt, 17. Jahrhundert
 
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