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„Grundzüge einer Lebenspsychologie“, Band II: „Das Denken und die Phantasie” von Richard Müller-Freienfels

I. Teil. Der Aufbau des Außenweltbewußtseins.

[237]
Abschluß des ersten Teils: Erkenntnistheoretische Folgerungen.

Der naive Mensch, zu dessen Typus in philosophischer Hinsicht auch viele gebildete Kulturmenschen gehören, glaubt die Außenwelt als eine in sich ruhende Realität vorzufinden und schreibt die Eindrücke, die von ihr ausgehend auf seine Seele einwirken, unbesehen der Außenwelt als objektive Qualitäten zu, während das erkennende Ich als passiver Spiegel erscheint. Das ist der Standpunkt des naiven Realismus. Als man einzusehen begann, daß die Eindrücke, die man den Dingen, der Außenwelt, zugeschrieben hatte, in Wahrheit im Bewußtsein entstehen, daß das Rot oder Grün, die wir an den Dingen wahrnehmen, nicht den Dingen zugehören, sondern Bewußtseinserlebnisse sind, verfiel man in das andere Extrem: man leugnete die adäquate Qualifizierbarkeit, ja sogar die Existenz einer Außenwelt überhaupt, man erklärte die ganze Welt für eine geistige Schöpfung des Subjekts. Diese Meinung kehrt in mannigfachen Variationen in den Systemen des Konszientialismus und Idealismus wieder.

Wir suchten als Psychologen einen eigenen Weg, indem wir das erkennende Subjekt weder als passiven Spiegel noch als frei schöpferische Macht ansahen, sondern als lebendiges Ich, das sein Leben erhalten und in bestimmten Richtungen entfalten will, das also in erster Linie als wollendes und handelndes Wesen anzusehen ist, das aber auch aus der Außenwelt solche Eindrücke aufnimmt, die seinen vitalen Notwendigkeiten entgegenkommen. Unsere Außenwelt ist also in erster Linie Gegenstand unseres Handelns und Wollens, in zweiter Linie erst unseres Anschauens und theoretischen Erkennens. Auch alle theoretische Erkenntnis ist in Wahrheit nur Umformung praktischer Orientierungen [238] für's Wollen und Handeln, allerdings nicht nur für ein unmittelbares Handeln bestimmt, sondern Handlungsorientierung auf Vorrat. Das Wesentliche in unserem Wahrnehmen, Vorstellen und Wissen sind nicht die objektiv begründeten, Gegebenheiten, sondern ihre Verarbeitung durch das aktive Ich. Wir stimmen mit dem naiven Realismus überein, insofern wir an Eindrücke, die von einem Nichtich auf das Ich ausgehen (und damit an die Existenz eines Nichtich) glauben; wir leugnen nur, daß diese Eindrücke, irgendwie ein adäquates „Abbild” der -Außenwelt „an sich” seien. Mit dem Idealismus sind wir insofern einig, als wir diese Unadäquatheit zwischen Bewußtsein und Außenwelt zugeben; wir halten aber darum unsere Bewußtseinsinhalte weder für Trug noch für freie Schöpfung, sondern wir sehen in ihnen objektiv fundierte Anhalte für unsere vitale Aktivität. Der Inhalt unseres Wahrnehmens, Vorstellens und Wissens hat also weder den Charakter eines getreuen Abbildes der Wirklichkeit noch den einer freien Bewußtseinsschöpfung, sondern — gleichnisweise geredet — den Wert einer Karte, die ohne getreuen Abbildungswert eine freie Übertragung in ein anderes Material ist und doch sinngemäßer Orientierung zu dienen vermag. Wir können also so weit mit einem psychologistisch-realistischen Kantianismus gehen, daß wir sagen: die Sinne liefern den Rohstoff unseres Wissens um die Außenwelt, dieser Rohstoff aber wird verarbeitet durch die „Formen” unseres Geistes. Diese Formen jedoch fassen wir nicht als „apriorische” Kategorien, sondern es sind aktive Stellungnahmen des Ich, emotionale und motorisch-aktive Reaktionen auf die Reize. Kraft dieser Gefühls- und Tätigkeitsdisposition ersteht im Ich das Gegenstandsbewußtsein (die Setzung einer Außenwelt), das Dingbewußtsein (die Verfestigung des Sinnesbewußtseins zu substantiellen Gebilden), die Einordnung in Raum und Zeit, die Zusammenordnung zu Begriffen und Gesetzen. Der Nachweis, daß in allen unseren Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffen Gefühle und Tätigkeitseinstellungen als konstituierende Faktoren darinstecken, war das Hauptziel aller bisherigen Darlegungen. Die Außenwelt ist uns „gegeben” als Material für [239] unsere vitalen Betätigungen, die angelegt sind in unserem Ich, aber mannigfacher Differenzierungen fähig sind. Unser Außenweltbewußtsein ist also ein Korrelat unseres Ich, von dessen Anlagen und deren Spezifikationen, gewonnen auf Grund der realen Reize, die auf das Ich einwirken.

„Apriori” aber sind unsere Ichstellungnahmen und Verarbeitungen der Außenweltseindrücke weder im Sinne eines zeitlichen Vorherbestehens noch im Sinne absoluter Allgemeingültigkeit. Gewiß, im Individuum bestehen sie von vornherein als geistige „Anlagen”, die aber phylogenetisch sich allmählich auf Grund der vitalen Gerichtetheit herausgebildet haben und die sich noch immer mehr verfeinern. „Allgemeingültig” im absoluten Sinne sind die Formen, nach denen wir die Außenwelt auffassen, nur insoweit, als die Iche übereinstimmen. Das tun sie gewiß in den vitalen Grundtendenzen; sie differieren aber ganz außerordentlich in deren Spezifikationen, also daß wohl gewisse Grundzüge des Welterlebens übereinstimmen, daß aber in den Einzelheiten jeder Mensch in seiner eigenen Welt lebt, was freilich wieder durch die Sozialisierung des Welterlebens, vor allem auf Grund der kommunikativen Begriffsbildung, ausgeglichen wird.

Was unsere geistige Repräsentation der Außenwelt anlangt, so konnten wir, je nach der Art der Verarbeitung, drei Schichten darin unterscheiden: die Wahrnehmungswelt, die Vorstellungswelt und die Begriffswelt. Zur Wahrnehmungswelt gehören alle unmittelbaren Eindrücke, die wir durch die Sinne empfangen, allerdings kraft unserer Stellungnahmen darunter auswählend, sie mannigfach kombinierend und ordnend, so daß aus sporadischen Reizen sich ein gegenständliches, substantielles, räumlich, zeitlich und generalisierend geordnetes Ganze bildet, das freilich stets auch durch Vorstellungen und Begriffe erweitert und bereichert wird. Daneben aber besteht eine Vorstellungswelt, die wir kraft unseres Gedächtnisses und unserer, Phantasie neben und um unsere Wahrnehmungswelt herum ausbauen, eine mannigfache Erweiterung der Wahrnehmungswelt, die uns deshalb notwendig ist, weil unser Ich ja nicht nur im Hier und Jetzt lebt, sondern Vergangenheit und [240] Zukunft mit umfaßt und sein Handeln weit über die räumliche und zeitliche Gegenwart hinaus erstreckt. Als dritte Schicht unseres Außenweltsbewußtseins fanden wir die Begriffswelt, die in konventionellen, hauptsächlich durch die Sprache gelieferten Akten die Inhalte unseres Wahrnehmens und Vorstellens in feste Formen prägt, die zwar die Gegebenheiten mannigfach verändern, aber im Dienst des Handelns und des Lebens, so daß diese Begriffswelt sich als eine an Stelle der Wahrnehmungs- und Vorstellungswelt drängende, in Worten verfestigte Schematik darstellt, die jedoch für die Praxis eigene Werte erzeugt.

Unser Bewußtsein von der Außenwelt ist also weder Weltwahrnehmung allein (auch der Begriff „Weltanschauung” ist viel zu eng), es ist auch nicht bloß Weltvorstellung und auch nicht bloß Weltbegriff, es ist ein aus allen drei Schichten sich zusammenfügendes Ganze. Besser noch als Weltbewußtsein aber würde man sagen „Welterleben”, insofern wir im Begriffe des Erlebens nicht bloß das Bewußtsein, sondern auch die tätige Reaktion des Ich, sein Leben, mit ergreifen, worin zugleich auch der Faktor gegeben ist, der jene dreifach geschichtete Welt innerlich zusammenhält. Denn Wahrnehmen, Vorstellen und Begrifflichkeit, das sahen wir, haben das gemeinsam, daß in ihnen allen sich unser aktives Ich auswirkt, daß sie nur Anhalte liefern für unser Lebenszentrum, das Streben und Handeln des Ich.

Gewiß kann zugegeben werden, daß nicht in allen Individuen die Einheit der drei Schichten vollkommen ist, und zwar darum, weil ihre Aktivität nicht gleichmäßig in allen drei Richtungen verteilt ist. Es gibt Menschen, deren Leben in erster Linie von den Sinneseindrücken bestimmt wird, die fast nur in ihrer Wahrnehmungswelt leben: das sind die konkreten Naturen, die Sinnesmenschen, wie sie sich unter Leuten des praktischen Lebens bei geringer Geistigkeit vielfach finden. Es gibt zweitens Individuen, denen die Wahrnehmungen wenig bedeuten gegenüber ihren Vorstellungen und Träumen, Menschen, die in einer Phantasiewelt leben, die ihnen mehr Wirklichkeit zu besitzen scheint als alle konkrete Realität: das ist der Typus des „Romantikers” oder des „Phantasten”. Und es gibt einen dritten Typus, der vor allem in abstrakten Begriffen lebt, dem die Welt der Wahrnehmung und der Phantasie verblaßt vor der begrifflichen Schematik, der vor Wald die [241] Bäume nicht sieht, dem die „wahre Welt” die Welt der Begriffe ist: das ist der Typus des abstrakten Menschen 1).

Das Ideal würde natürlich ein harmonisches Zusammenwirken der drei Schichten, zugleich aber auch eine sorgfältige Sonderung sein, daß Konflikte der drei Weltschichten vermieden werden, dabei zugleich aber sorgfältig zwischen Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffen geschieden wird. Daß diese Harmonie bei sorgfältiger Scheidung nicht immer erreicht wird, liegt an der meist einseitigen Gerichtetheit der Lebenstendenzen, die aber wiederum eine Erfordernis des sozialen Lebens ist, das Arbeitsteilung verlangt, um allen vitalen Notwendigkeiten der Gemeinschaft gerecht werden zu können. Völlig adäquat der Objektivität wird daher kein individuelles Welterleben sein darum, weil jede individuelle Handlungseinstellung notwendig einseitig sein muß.


Ich nenne die Erkenntnislehre, die auf Grund der vitalistischen aktivistischen Psychologie sich aufbaut: Vitalrealismus, weil sie sich bewußt ist, daß alle Erkenntnis bedingt ist durch das Ich mit seinen Lebenstendenzen, zugleich aber auch, weil sie sich bewußt ist, daß das Material, auf Grund dessen sich das Ich sein Leben aufbaut, nicht seine Schöpfung ist, sondern von außen geliefert wird. Wir kennen, zwar nie „die” Wirklichkeit, sondern nur eine Wirklichkeit für uns, insofern unsere Wirklichkeit immer bedingt ist durch unsere Wirksamkeit, unser Wirken, das in unserem lebendigen Ich und seinen Strebungen wurzelt, diesem Ich, das jedoch nicht bloß individuelle, sondern weitgehend sozialisierte Subjektivität ist 2).

1 Ausführlichere Darstellung der mannigfachen Formen des Welterlebens bietet mein Buch: Persönlichkeit und Weltanschauung. Zweite umgearbeitete Auflage, 1923.

2 Die erkenntnistheoretischen Folgerungen dieses Standpunktes sind dargelegt in meinem Buche: „Irrationalismus”, 1923.


[354]

II. Teil.
Die schöpferische Arbeit des Denkens und der Phantasie.

Abschluß des zweiten Teils:
Erkenntnistheoretische Folgerungen.


Wir hatten im ersten Hauptteil dieser Untersuchungen, die seelischen Prozesse untersucht, die zum Auf- und Ausbau eines Bewußtseins von der Außenwelt führen, und wir fanden auf diese Weise ein aus Wahrnehmungen, Vorstellungen [355] und Begriffen aufgebautes Weltbewußtsein, das uns zwar nicht als getreues Bild der Welt, wohl aber als eine Art Plan, demgemäß wir unser vitales Verhalten zur Außenwelt regulieren können, erschien.

Im zweiten Hauptteil nun trat das Ich, das als lebendiges, aktives Zentrum auch im ersten Teil stets mitgedacht werden mußte, noch souveräner heraus, indem wir nunmehr seine geistige Aktivität, die es auf Grund seines Wissens um die Außenwelt entfaltet, um diese seinen Tendenzen gemäß sich anzupassen oder sich selbst, wiederum: seinen Tendenzen gemäß in dieser Welt auszuwirken, genauer untersuchten. Wir fanden dabei, daß die geistige Aktivität des Ich keineswegs bloß auf getreues Abbilden der Außenwelt gerichtet ist, sondern daß ihm sein Wissen um die Außenwelt wesentlich nur Basis für Verhaltungsweisen ist, die kühn mit dieser Außenwelt umspringen. In freier, schöpferischer Arbeit gruppiert und gestaltet das Ich die auf jene Außenwelt bezogenen Denkinhalte um. Dabei ergab sich uns, daß die Lehre des Assoziationismus über den Verlauf der von unmittelbaren Beziehungen zur Außenwelt unabhängigen Geistestätigkeit völlig unzureichend ist. Niemals können wir durch die Assoziationen nach Berührung und Ähnlichkeit die schöpferische Geistestätigkeit verstehen, sondern stets müssen wir dabei das Gesamtich mit seinen Trieben und Tendenzen als entscheidenden Faktor mitdenken, wenn wir die schöpferische Geistestätigkeit begreifen wollen. Alles, was man im gewöhnlichen Leben als „Denken” und „Phantasie” bezeichnet, ist nur zu verstehen, wenn wir es als zielstrebige Tätigkeit des Ich erfassen, eine gedankliche Ausweitung der vitalen Willenshandlungen in ihren mannigfachen Tendenzen der Erhaltung und Entfaltung des Lebens, nicht des Individuellen allein, sondern auch des sozialen.

Denn unser Ich ist nicht eine starre Statue, um die sich die Außenwelt wie die ebenso starre Kuppel eines Mausoleums wölbte, es ist ein lebendiges, aktives Wesen, das einer ebenfalls unablässig sich wandelnden Umwelt gegenübergestellt ist. Niemals kann es daher mit einer „statischen” Weltanschauung auskommen, sondern es bedarf auch eines [356] „dynamischen” Denkens, das aus seiner eigenen Aktivität erwächst und mit der Wandelbarkeit der Umwelt rechnet. Unser Erkennen ist höchstens scheinbar das Abbilden einer ruhenden Tatsachenwelt, so wichtig es auch ist, das Beharrende und regelmäßig Wiederkehrende im Weltprozeß als solches, festzuhalten; Erkennen ist vor allem ein Aufnehmen der Außenweltsgegebenheiten zum Zweck des Handelns und Wirkens, ein Rechnen auch mit den Wandlungen in der Außenwelt, sowohl jenen, die sich ohne unser Zutun begeben, denen wir uns also anpassen müssen, als auch solchen, die unserem Handeln zugänglich sind, die wir also unseren Bedürfnissen gemäß gestalten können. Als lebende Wesen müssen wir, um uns zu erhalten und zu entfalten, sowohl uns selbst den Wandlungen der Umwelt anpassen als auch die Außenwelt den sich wandelnden Bedürfnissen des Ich. Beiden Aufgaben dient das Denken, sei es, daß es als praktisches Denken dem Wirken auf die Außenwelt dient, sei es, daß es als autistisches, künstlerisches, theoretisches Denken die Bewußtseinsinhalte selbst so gestaltet, daß den Bedürfnissen des Ich genug geschieht.

Was wir unsere „Weltanschauung”, besser unser Weltbewußtsein nennen, kann deshalb niemals einem statischen Bilde verglichen werden, sondern ist ein unendlicher Prozeß, der niemals ganz abgeschlossen ist, der aber gerade durch seine Wandelbarkeit die Möglichkeit in sich trägt, der Wandelbarkeit der Welt angepaßt, wenn auch stets im relativen Sinne, zu bleiben. Daß dieser Prozeß niemals abgeschlossen ist, sondern immer von neuem, sowohl vom Einzelnen wie von der Allgemeinheit, revidiert werden muß, darin beruht nicht seine Schwäche, sondern seine Stärke und seine Würde. Wir sind niemals beati possidentes einer gesicherten Weltanschauung (das ist der Traum des Philisters); wir sind Eroberer, die gewiß ihren Erwerb möglichst zu sichern suchen, aber beständig auf der Wacht sein müssen, ihn gegen unerwartete Bedrohungen zu verteidigen und weiter auszudehnen.

Die Idee einer reinen oder gar absoluten Erkenntnis, das suchten wir zu zeigen, ist ein unerreichbares und [357] zugleich ein falsches Ideal. Was wir brauchen, ist nicht eine solche, die vielleicht einem kontemplativen Gotte genug tun könnte, nie aber uns Menschen, deren Leben Entwicklung, Kampf, Eroberung ist. Was wir brauchen, ist eine Erkenntnis für uns, nicht bloß für unsere banalen praktischen, auch für unsere ästhetischen, theoretischen, religiösen Bedürfnisse, die ungeachtet, daß sie sich zuweilen vom individuellen Leben emanzipieren, doch stets im Leben verwurzelt bleiben und bleiben müssen, wenn sie nicht starre, fossile Gebilde werden sollen. Insofern müssen die Resultate unseres Denkens nicht bloß der Außenwelt angepaßt sein, sondern auch den Bedürfnissen unseres Ich, und in der Tat sind alle unsere Weltanschauungen Gebilde, die einerseits in den Strebungen unseres Ich, andererseits in den Tatbeständen der Außenwelt bedingt sind.

Daß es daneben wichtig ist, zumal für das theoretische Erkennen, das Ich mit seinen individuellen Bedürfnissen zurückzudrängen, daß eine Intellektualisierung der Welt im Sinne einer von den zufälligen individuellen Tendenzen unabhängigen, für möglichst alle Menschen gültigen Erkenntnis der Welt ebenfalls ein vitales Bedürfnis stärkster Art ist, kann daneben ruhig zugegeben werden. Was die Wissenschaft speziell anstrebt, ist der Aufbau einer solchen, von individuellen Färbungen gelösten Welterkenntnis, und es wäre töricht zu verkennen, daß ihr das in hohem Grade gelungen ist. Aber man übersehe nicht, daß das Erreichte, so wertvoll und gewaltig es ist, doch weit davon entfernt ist, die gesamte Welt zu umspannen, ebensowenig wie die theoretischen Bedürfnisse den Umkreis des gesamten Ich umspannen. Die Wissenschaft vermag gewiß die Welt in hohem Grade zu rationalisieren, aber es bleiben doch ungeheure Massen von Tatbeständen, die nicht rationalisierbar sind; und unser Ich mag sich noch so sehr der Tendenz der rationalisierenden Wissenschaft einfügen, es bestehen doch daneben auch in ihm irrationale Strebungen, die stets neben den theoretisch-rationalen sich geltend machen. Es ist ein Irrtum, die rationalisierte Welt für die ganze Welt zu halten und die rationalen Strebungen im Ich für das ganze Ich. Vielmehr sind beide, Ich wie Welt, im tiefsten Wesen [358] irrational, und daher muß es eine Aufgabe auch der rationalen Wissenschaft sein, diese irrationalen Faktoren sowohl im Subjekt wie im Objekt anzuerkennen 1).

1 Zur philosophischen Begründung dieser hier nur angedeuteten Gedanken verweise ich auf meine Bücher: „Irrationalismus”, 1922, und „Persönlichkeit und Weltanschauung”, zweite, stark umgeänderte Auflage, 1923.

------- ENDE --------


Erstellt am 20.03.2011 - Letzte Änderung am 08.05.2011.


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