"Die guten Meister des deutschen Hauses." - Seite 44
Freut euch des Lebens

Text: Martin Usteri (1763-1827)
Zeichnung: oben Franz Graf von Pocci (1807-1876) unten Ludwig Richter (1803-1884)
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Freut euch des Lebens,
weil noch das Lämpchen glüht;
pflücket die Rose,
eh' sie verblüht!

Man schafft so gern sich Sorg' und Müh',
sucht Dornen auf und findet sie
und läßt das Veilchen unbemerkt,
das uns am Wege blüht!

Wenn scheu die Schöpfung sich verhüllt
und laut der Donner ob uns brüllt,
so lacht am Abend nach dem Sturm
die Sonne, ach, so schön!

Wer Neid und Mißgunst sorgsam flieht
und G'nügsamkeit im Gärtchen zieht,
dem schießt sie schnell zum Bäumchen auf,
das goldne Früchte trägt.

Wer Redlichkeit und Treue übt
und gern dem ärmern Bruder gibt,
bei dem baut sich Zufriedenheit
so gern ihr Hüttchen an.

Und wenn der Pfad sich furchtbar engt
und Mißgeschick uns plagt und drängt,
so reicht die Freundschaft schwesterlich
dem Redlichen die Hand.

Sie trocknet ihm die Tränen ab
und streut ihm Blumen bis ans Grab;
sie wandelt Nacht in Dämmerung
und Dämmerung in Licht.

Sie ist des Lebens schönstes Band:
schlagt, Brüder, traulich Hand in Hand!
So wallt man froh, so wallt man leicht
ins bessre Vaterland!

Martin Usteri (1793)
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